Harninkontinenz

Wie entsteht das Problem Inkontinenz?
Als Inkontinenz oder Blasenschwäche bezeichnet man eine unwillkürliche Entleerung von Urin aus der Blase. Man unterscheidet zwei wesentliche Formen der Inkontinenz: die Streßinkontinenz, bei der unter körperlicher Belastung, Husten, Niesen oder Sport ein Urinverlust eintritt und die Dranginkontinenz, bei der durch eine Überaktivität des Blasenmuskels ein Urinverlust auftritt. Die Ursachen der Inkontinenz sind vielfältig. Bei Frauen ist sie oft bedingt durch eine Erschlaffung der Beckenbodenmuskulatur durch Schwangerschaft oder Übergewicht. Der in den Wechseljahren auftretende Hormonmangel oder auch eine altersbedingte Schließmuskelschwäche kann eine Streßinkontinenz begünstigen. Entzündungen der Blase und Rückenmarks- oder Nervenerkrankungen können eine Dranginkontinenz verursachen. Genauso kann sie als Folge von Unfällen oder Operationen auftreten.

Wie viele Frauen sind betroffen?

Ein Hauptproblem bei der Harninkontinenz ist, dass auch heute noch über dieses Tabuthema nicht gern gesprochen wird. Dabei geht es um eine für den Betroffenen überaus belastende Erkrankung, die in der westlichen Welt häufiger auftritt als Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nach Angaben der Gesellschaft für Inkontinenzhilfe (GIH) werden in Deutschland etwa 4 bis 5 Millionen Menschen mit einer behandlungsbedürftigen Harn- oder Stuhlinkontinenz medizinisch betreut. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch wesentlich größer, weil viele Menschen nicht zuletzt aus Scham nicht zum Arzt gehen.

Sind nur ältere Frauen davon betroffen?
Inkontinenz kann Menschen jeden Lebensalters treffen, angefangen vom Kind mit Bettnässen bis zum älteren Menschen mit altersbedingter Schließmuskelschwäche. Mit der steigenden Lebenserwartung in den Industrieländern nimmt auch das Problem der Harninkontinenz im Alter enorm zu. Während nur 3% der Menschen bis 65 Jahre unter Inkontinenz leiden, ist es bei den über 65-jährigen bereits jeder zehnte und ab dem 80. Lebensjahr ein Drittel der Bevölkerung.

Was lässt sich dagegen tun?

Die Behandlungsmöglichkeiten der Inkontinenz sind so vielfältig wie ihre Ursachen. Zunächst einmal sollte durch einen Urologen oder Gynäkologen eine Abklärung der Ursache erfolgen. Vor allem bei der Dranginkontinenz geht es zunächst darum fassbare Ursachen zu beseitigen (z.B. Behandlung eines Blaseninfektes). Verbleiben die Drangbeschwerden trotz Behandlung der Ursache oder findet sich keine Ursache kommen das Blasentraining oder eine medikamentöse Behandlung in Frage, welche den Blasenschließmuskel beruhigt und den Drang beseitigt. Durch ein gezieltes Beckenbodentraining, unterstützt durch Elektrostimulation und Biofeedback, lassen sich bei entsprechender Mitarbeit seitens der Betroffenen erstaunliche Erfolge erzielen. Weiterhin kann durch lokale Östrogengabe die Inkontinenz weiter verringert werden.
In vielen Fällen, vor allem bei schwerer Streßinkontinenz, helfen nur operative Maßnahmen weiter. Dabei wird durch verschiedenste Operationstechniken das Zusammenspiel zwischen Schließmuskel und Blasenmuskel optimiert, um den Patienten wieder dauerhaft „trocken“ zu machen. Beispielhaft zu nennen ist die operative Blasenanhebung, die Kollagenunterspritzung oder die Anhebung der Harnröhre mittels Harnröhrenbändchen.

Hilft in jedem Fall Beckenboden-Gymnastik?
Die Beckenbodengymnastik hilft vor allem bei geringer bis mittelgradiger Streßinkontinenz. Sie muss konsequent angewendet werden und erreicht dann Erfolgsraten von bis zu 30%. Ergänzt werden kann die Beckenbodengymnastik durch eine Elektrostimulation oder Biofeedback-Übungen.

Was sind gute Übungen und wie häufig muss man sie machen?

Zu Beginn eines Beckenbodentrainings ist eine fachliche Anleitung durch einen entsprechend ausgebildeten Physiotherapeuten oder eine Patientengruppe (z.B. VHS) sinnvoll. Die dort erlernten und unter Kontrolle trainierten Übungen sollten dann zu Hause konsequent mehrmals täglich weitergeführt werden. Nur so lässt sich die Beckenbodengymnastik erfolgreich anwenden.

Können spezielle Medikamente oder Kräutertees u.ä. bei Reizblase wirklich helfen?
Bei einer Reizblase können nach Ausschluss einer körperlichen Ursache pflanzliche Medikamente (z.B. Kürbissamenöl) die Beschwerden lindern. Bei stärkeren Drangbeschwerden kommen pharmazeutische Medikamente in Betracht, die durch eine Verringerung der Blasenmuskelaktivität eine Beschwerdelinderung zuverlässig erreichen können. Diese Medikamente dürfen allerdings nur nach ärztlicher Abklärung und Verordnung eingesetzt werden.

Muss man solche Produkte dann ständig einnehmen, oder nur über einen gewissen Zeitraum?

Bei einigen Frauen sind die Drangbeschwerden ein vorübergehendes Beschwerdebild, die mit einer periodischen Medikamenteneinnahme gut zu behandeln sind. Es gibt allerdings auch viele Fälle in denen die medikamentöse Behandlung dauerhaft erfolgen muss, um eine Beschwerdefreiheit zu erreichen.

Gibt es neue Methoden, dass Problem operativ in den Griff zu bekommen?

Es gibt eine Reihe von neuen Ansätzen in der operativen Behandlung der Harninkontinenz. Vor allem die Harnröhrenbändchen haben sich in kürzester Zeit zu einer Standardtherapie entwickelt. Ihr Vorteil ist zum einen der fehlende Bauchschnitt, da das Harnröhrenbändchen minimal-invasiv über drei kleine Einschnitte eingelegt werden kann. Weiterhin lässt dieser Eingriff sich in der Regel ambulant mit nur geringen Operationsrisiken ohne Einlage eines Blasenkatheters durchführen. Nicht zuletzt sind die Langzeiterfolge dieser Methode (Ob-Tape) sehr erfreulich: ein Großteil der behandelten Patientinnen ist nach dem Eingriff dauerhaft von der Inkontinenz befreit.

Eine einmalige Sache, oder muss die Operation nach einigen Jahren wiederholt werden?
Bei ca. 85-90% der Frauen ist das Harnröhrenbändchen in der Lage die Inkontinenz dauerhaft zu beseitigen. Diese Patientinnen benötigen dann keine weiteren Maßnahmen. Bei den übrigen 10-15% wird im weiteren Verlauf eine offene operative Blasenanhebung notwendig.

Welche Therapien bezahlt die Krankenkasse?

Die bisher genannten Behandlungsmöglichkeiten werden entweder als ambulante oder als stationäre Behandlung in Deutschland von den Krankenkassen bezahlt.

Wenn es mit der Kontrolle gar nicht mehr klappt: Sind Windeln oder Katheter die einzigen Alternativen?
Nach Ausschöpfen der bisher genannten konservativen und operativen Behandlungsmöglichkeiten bleibt für einige Patienten als letzte Möglichkeit die Implantation eines künstlichen Blasenschließmuskels. Vor allem Männer nach Radikaloperation an der Prostata können damit wieder dauerhaft trocken werden. Allerdings handelt es sich dabei um einen aufwändigen Eingriff, der nur in erfahrenen Kliniken vorgenommen werden sollte. Es wird um die Harnröhre ein künstlicher Schließmuskel gelegt, der mittels eines von außen zu tastenden Entleerungsventils eine kontrollierte Blasenfunktion ohne Urinverlust ermöglicht.

Gibt es Hoffnung für Menschen, denen die Blase entfernt werden muss, z.B. wegen eines Tumors?
In allen Fällen in denen die Blase wegen eines Tumors oder anderer Erkrankungen entfernt werden muss, ist eine Ersatzblase zur Urinentleerung notwendig. Diese wird in der Regel durch einen aus dem Darm entnommenen Abschnitt nachgebildet. Dabei sind einerseits die nassen Ersatzblasen zu nennen, bei denen der Urin aus der Ersatzblase durch eine Hautöffnung (Stoma) in einen Urinbeutel fließt. Gerade bei jungen und aktiven Patienten haben sich in den letzten Jahren die trockenen (d.h. kontinenten) Ersatzblasen durchgesetzt. Dabei wird aus einem Abschnitt des Darmes eine Ersatzblase gebildet, die entweder an die Harnröhre oder an ein trockenes Hautstoma angeschlossen wird. In beiden Fällen hat der Patient die Möglichkeit die Blasenentleerung bewusst zu kontrollieren, ist also trocken. Weitere Entwicklungen stehen aber bevor. 2001 wurde erstmals eine Kunstblase vorgestellt, die aus so genanntem biokompatiblem (d.h. dem Körper nicht fremden) Material besteht und durch elektrische Steuerung von außen bedient werden kann.

Gibt es schon Daten über die Zuverlässigkeit?

Dazu ist die Entwicklung in einem zu frühen Stadium. Daten über die mechanische Zuverlässigkeit gibt es allerdings sicher schon.

Wie kompliziert ist die Operation und wie lange kann man mit der Kunstblase leben, bis sie ausgetauscht werden muss?
Auch darüber lässt sich noch wenig berichten, bevor nicht die ersten Kunstblasen bei Patienten eingepflanzt worden sind. Allerdings sollte der Aufwand der Operation nicht höher als bei einer Darmersatzblase sein.

Wann können Patienten in Deutschland mit der Zulassung des Gerätes rechnen?
Bis diese Innovation Patienten zu Gute kommt, werden noch einige Jahre vergehen. Man erhofft sich eine erstmalige Anwendung am Menschen im Jahre 2006.

Womit werden solche Patienten versorgt, bis es so weit ist?

Die bisher verfügbaren Möglichkeiten der Darmersatzblasen bieten uns eine hervorragende Möglichkeit Patienten nach einer notwendigen Blasenentfernung zu versorgen. Die Mehrzahl der befragten Patienten ist nach so einer Operation mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Entscheidend ist allerdings, sich vor der Operation mit dem behandelnden Arzt sehr intensiv Gedanken über die Art der Darmersatzblase zu machen, um nach der Operation die größtmögliche Zufriedenheit zu erlangen.